6. Juli 2022

Stolperstein Josef Traxl

Josef Alfons Traxl (* 30 Mai 1900).
Ermordet im KZ Buchenwaldam 24. August 1941.

Josef Alfons Traxl wurde am 31. Mai 1900 in Zurich geboren. Hier absolvierte er die Grund- und Sekundarschule. Am 1. Mai 1916 trat Josef eine kaufmannische Lehre an, brach diese aber nach zwei Monaten ab. Im September 1920 starb sein Vater, ein Österreicher, der beim städtischen Tiefbauamt als Aufseher gearbeitet hatte. Seine Mutter lebte weiterhin in Zurich.

Das Zurcher Einwohneramt halt zu Traxl 1921 Folgendes fest: «Heimat: Strengen,Tirol in «Deutschlandost»; Beruf: Maurerhandlanger; Konfession: katholisch; Zivil-stand: ledig; wohnt bei den Eltern an der Schontalgasse 22, 1 Pass.»

Zu diesem Zeitpunkt attestierten die Behörden Josef Traxl bereits einen unzüchtigen Lebenswandel: Als Homosexuellen hatte ihn die Polizei im Visier. 1921 wurde er aus der Schweiz ausgewiesen. Im folgenden Jahrzehnt geriet er in die administrative Kriminalisierungsmaschinerie. Wegen «Wiederbetretung der Schweiz» wurde er mehrmals verhaftet und zu Gefangnis verurteilt. 1925 erhielt er einen formellen Landesverweis. In der Begrundung der Polizeidirektion steht: «Er ist ein unverbesserlicher arbeitsscheuer Taugenichts, der als Strichjunge ein lasterhaftes Leben führt und sich in ekelhafter Weise den Homosexuellen zur Unzucht hingibt.» Am 9. Februar 1937 vermerkte die Zurcher Kantonspolizei, der Handlanger Traxl befinde zum vierten Mal wegen Übertretung der Ausweisung in Untersuchungshaft.

Keine Fotografie, nur die Handschrift Traxls ist überliefert.

Über Traxls Schicksal unterrichten nur behördlich produzierte und gefilterte Quellen. Eine berührende Ausnahmeist der Lebenslauf, den er im Februar 1937auf polizeiliche Aufforderunghin verfasste. In akkurater «Schnürlischrift» beschreibt er sich «als Sorgenkind meiner Eltern» und als einen «von Unglück und Pech verfolgten» Mann. Er berichtet von seiner Adoleszenz und seinen gesellschaftlichen Problemen: «Von meinen Kollegen wurde ich dazu verleitet, mit den Homosexuellen Verkehr zu pflegen ich hatte damals als 17jähriger Bursche noch keine Ahnung, wasfür eine Bewandtnis es mit der Person eines Homosexuellen hat meine Kollegen waren bewährte Strichjungen, ich wurde auch so ein Strichjunge, und mein verpfuschtes Leben hatte seinen Anfang genommen, und wurde dadurch besiegelt, dass diese Leidenschaft mich immer wieder in die Arme dieses Lasters führte.» Das «Ideal meiner sexuellen Leidenschaft» sei ein «60jähriger Herr» gewesen, «zudem ich mich wie zu einer Geliebten angezogen fühlte (…). Das war die schönste Zeitmeines Lebens». Beruflich habe er sich zu Höherem berufen gefühlt, wollte eigentlich Zahntechniker oder Automechaniker werden. Vor seiner Ausweisung habe er immerwieder gearbeitet, beispielsweise beim Landwirtschaftsamt der Stadt Zürich. 1918 habe er sich bei der PTT beworben, sei aber als Ausländer nicht angestellt worden: «Dies versetzte mir einen Schlag ins Gesicht, und ich führte meinen begonnenen Lebensweg mit leidenschaftlichem Drang weiter.»

Josef Traxls verhängnisvolles Bekenntnis zur Schweiz, mit behördlichen Markierungen, Zürich 1937.

Traxl erzählte in seinem Lebenslauf nichtnur von Glücksmomenten und Niederlagen, sondern drückte auch seine Verbun-denheit mit der Schweiz aus. Aus Heimwehkomme er «immer wieder in mein Heimatland in die Schweiz, denn ich fühle michnicht als Österreicher, sondern als patriotischer Schweizer». Da er sich allerdings desfortgesetzten «Bannbruchs» und «Landesverweisungsbruchs», wie der unerlaubte Grenzübertritt genannt wurde, schuldiggemacht hatte, erwies sich dieses Bekenntnis als fatal: Die Polizeidirektion des Kantons Zürich verwendete es umgehend gegen ihn. Im Gefängnis wurde ihm zwar «einwandfreie Führung» attestiert; doch um ihn «vor weiteren Bannbrüchen abzuhalten, erachten wir dessen Internierung in einer Zwangsarbeitsanstalt (…) für angezeigt.» Schliesslich beschloss das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement(EJPD) im März 1937 seine Unterbringungin der Strafanstalt Regensdorf. Am 4. Mai 1937 schrieb Traxl, die Internierung greife ihn «seelisch an». Dass er «immer wiederin mein Heimatland in die Schweiz kommen» würde, habe er in «einer Art von Sinnesverwirrung» geschrieben. Er werde nach der Freilassung «die Schweiz niemals mehr betreten».Die Schweiz versuchte, Traxl nach Österreich abzuschieben, wo sich die zweite Republik in Auflösung befand und der Austrofaschismus auf dem Vormarsch war. Die Schweizer Behörden drängten darauf, ihn dort in einer «geeigneten Anstalt» unterzubringen. Am 19. Juni 1937 schriebdas EJPD an die Schweizer Gesandtschaft, man werde noch ungefähr drei Wochen warten: «Trifft bis dahin die Übernahmeerklärung der österreichischen Behörden nicht ein, so werden wir als dann Traxl einfach an die österreichische Grenze verbringen lassen.» Aus Wien kam allerdings eine Absage. Nach den «geltenden österreichischen Vorschriften» bestehe für die Unterbringung Traxls in einer geschlossenenAnstalt «keine rechtliche Handhabe (…), da die widernatürliche Veranlagung des Genannten an sich keinen Internierungsggrund bildet». Für eine «Schubbehandlung» würden «die erforderlichen Voraus-setzungen fehlen». Nur Tagespäterbeschlossdas EJPD, kurzenProzesszu machen.

Das letzte Lebenszeichen: Die Austrittsanzeige samt Ausschaffungsbescheid, 17. Juli 1937.

Auf der Austrittsanzeige der Strafanstalt Regensdorf steht: «Traxl ist heute dem Pol. Kdo. Zh zur Ausschaffung zugeführt worden.» Das ist sein letztes Lebenszeichen in der Schweiz. Er wurde im nationalsozialistischen Deutschland zu einem unbekannten Zeitpunkt verhaftet und ins KZ Buchenwald überstellt. Dort starb er am 24. August 1941.


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